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Mittwoch, 10. Juni. 2015 20:32 Alter: 5 Monat(e)

Zeitzeugen aus der DDR an unserer Schule

Von: Monika Zschätzsch

Die Europaschule hatte am 28. und 29.5. die besondere Ehre, zwei Zeitzeugen aus der  ehemaligen DDR begrüßen zu dürfen.

Über den Verein „Für Demokratie – gegen Vergessen“ wurde der Kontakt zur bekannten Jugendbuchautorin Grit Poppe und dem Republikflüchtling und Liedermacher Detlef Jablonski hergestellt. Insgesamt sechs Klassen aus den Jahrgängen 9 und 10 hatten im Rahmen des Geschichts- und PoWi-Unterrichts die Möglichkeit, die Zeitzeugen anzuhören und alles zu fragen, was sie über die DDR wissen wollten.

Zur Einführung wurde den Schülern ein zehnminütiger Film über die Staatssicherheit präsentiert, der gut veranschaulichte, dass Grundrechte wie Meinungsfreiheit in der DDR mit Füßen getreten wurden.
Daraufhin las die Autorin Grit Poppe bedeutende Passagen aus ihrem aktuellen Roman „Schuld“ vor, in dem es um zwei Jugendliche geht, die zunächst unterschiedliche politische Ansichten haben: „Während Jana in einem systemtreuen Haushalt aufgewachsen ist, haben Jakobs Eltern einen Ausreiseantrag aus der DDR gestellt und gelten deshalb als Staatsfeinde. Auch Jakob provoziert, indem er sich immer wieder kritisch gegenüber dem System äußert, was er schließlich mit einem Gefängnisaufenthalt büßen muss. Jana macht sich Vorwürfe, besucht ihn und erfährt am eigenen Leib die Ungerechtigkeiten, die Jakob in dem angeblich „demokratischen“ Staat widerfahren.“ Das Romanende verriet die Autorin jedoch nicht. Stattdessen erzählte sie von ihrem eigenen Leben in der DDR.

Grit Poppes Vater, Gerd Poppe, war ein bekannter Bürgerrechtler, weshalb die gesamte Familie, auch sie, von der Stasi "bespitzelt"
wurde. Nach der Wiedervereinigung hatte sie die Möglichkeit ihre Stasi-Akte zu sichten und musste feststellen, dass unter den Spitzeln auch sehr enge Freunde waren, mit denen sie den Kontakt abgebrochen hat.

Nach einem Lied über die Macht der Stasi begann Detlef Jablonski von seinem Leben zu berichten. Er wurde im Frauengefängnis Jerichow geboren und wuchs bei seiner Tante, seiner Pflegefamilie, in Berlin auf. 1970 und 1974 versuchte er in den Westen zu fliehen, um seine leibliche Mutter wiederzusehen. Der zweite Fluchtversuch führte dazu, dass er zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt wurde. Nach seiner Entlassung wurde er jahrelang vom Staatssicherheit observiert. Erst im Jahre 1987 wurde sein Ausreiseantrag genehmigt. Seitdem lebt Jablonski in Westberlin.

Nach dieser kurzen Einführung in sein Leben ließ der Zeitzeuge alle möglichen Fragen der Schüler zu. Er scheute sich nicht, den Schülern von dem schwierigen Verhältnis zu seiner Mutter zu erzählen, die im Westen eine neue Familie gegründet hatte und mit den "alten Geschichten" nichts mehr zu tun haben wollte. Deshalb erfuhr er auch nie, weshalb er in einem Gefängnis auf die Welt kam. Zudem berichtete er von den Schrecken, die er während seines eigenen Gefängnisaufenthalts erlebt hat: „Es gab 3 Kategorien von Gefängnissen. Ich war in der harmlosesten. Und was ich erlebt habe, war die Hölle. Ich kann mir nicht vorstellen, was in Nummer 1 und 2 passiert ist.“ Durch seine direkte Art und die bekannte "Berliner Schnauze" war er den Schülern sofort sympathisch und diese hörten gebannt zu.

Wir hoffen, dass wir auch nächstes Schuljahr mit Hilfe des Vereins wieder Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR für einen Besuch an unserer Schule begeistern können, denn so konnte den Schülern, für die die DDR gar nicht mehr greifbar ist, dieses wichtige Stück deutscher Geschichte ganz nah gebracht werden.